Autismus

Medizinische Klassifikationssysteme

Es gibt zwei anerkannte medizinische Klassifikationssysteme, in denen die unterschiedlichen diagnostischen Kriterien von Krankheiten beziehungsweise psychischen Störungen aufgelistet werden. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheits-probleme ICD-10 in seiner 10. Revision zum einen und das im Mai 2013 von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung in seiner 5. Auflage herausgegebene Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM-V zum anderen. Die neue Revision der ICD-11 soll im Jahre 2018 herausgegeben werden.

Autismus wird von der Weltgesundheitsorganisation als eine tiefgreifenden Entwicklungs-störung bezeichnet. Die unterschiedlichen Formen des Autismus wie zum Beipiel das Kanner-Syndrom, Asperger-Syndrom, atypischer Autismus werden klinisch als Autismus-Spektrum-Störung (ASS, ASD) zusammengefasst.

 

Diagonosekriterien

Die im folgenden aufgeführten Diagnosekriterien der Autismus-Spektrum-Störung sind dem amerikanischen Klassifikationssystem DSM-V entnommen. Die Diagnosekriterien der DSM-V unterscheidet sich in einigen Punkten vom internationalen Klassifikationssystem ICD-10. Auf die Unterschiede werde ich im Kapitel „Unterschiede in den Diagnosekriterien“ ebenfalls kurz eingehen. Vermutlich wird sich die neu revidierten Fassung des ICD-11 von 2018 an der DSM-V orientieren.

A-Kriterium

Überdauernde Defizite der sozialen Kommunikation und Interaktion, die nicht durch eine allgemeine Entwicklungsverzögerung erklärt werden können und sich in allen drei der folgendenBereiche manifestieren:

Sozial-emotionale Reziprozität

  • merkwürdige sozialer Kontaktaufnahme
  • Mangel gemeinsamer Interessen, Emotionen, Gefühle und Responsivität
  • bedingte Unfähigkeit ein Gespräch aufrechtzuerhalten
  • bis zum völligen Fehlen der Initiierung sozialer Interaktionen

Defizite im non-verbalen, kommunikativen Verhalten

  • mangelhafte Integration verbaler und non-verbaler Kommunikation
  • Auffälligkeiten beim Blickkontakt und der Körpersprache
  • Defiziten beim Verständnis und Gebrauch non-verbaler Kommunikation
  • bis zum völligen Fehlen von Mimik und Gestik

Defizite bei der Aufnahme und Aufrechterhaltung von Beziehungen

  • Schwierigkeiten, das Verhalten der jeweiligen sozialen Situation anzupassen
  • Auffälligkeiten beim Blickkontakt und der Körpersprache
  • Schwierigkeiten, an „als-ob“-Spielen teilzunehmen und Freundschaften zu schließen
  • bis zum offenkundigen Desinteresse an Menschen<

B-Kriterium

Beschränktes, repetitives Muster von:

  • Verhalten
  • Interessen
  • Aktivitäten

das sich durch mindestens zwei der folgenden Verhaltensmuster äussert:

Stereotype(r) oder repetitive(r) Sprache oder Bewegungen

  • einfache motorische Stereotypien
  • Echolalie
  • repetitiver Gebrauch von Objekten
  • oder idiosynkratische Sprache

Exzessives Haften an Routineabläufen, ritualisierten Mustern verbalen oder nonverbalen Verhaltens, oder exzessiver Widerstand gegenüber Veränderungen

  • motorische Rituale
  • bestehen auf immer gleichen Wegen oder immer gleichen Nahrungsmitteln
  • wiederholtes Fragen oder extreme Irritation bei kleinen Veränderungen

Höchst eingeschränkte, fixierte Interessen, ungewöhnlich bezüglich Intensität oder Gegenstand

  • aussergewöhnliches Haften an oder Beschäftigung mit ungewöhnlichen Objekten
  • exzessive, umschriebene oder immer wiederkehrende Interessen

Hyper- oder Hypo-Reaktivität gegenüber sensorischen Reizen oder ungewöhnliches Interesse an sensorischen Aspekten der Umgebung

  • offensichtliche Indifferenz gegenüber Schmerz, Hitze oder Kälte
  • paradoxe Reaktion auf spezielle Geräusche oder Muster
  • exzessives Beriechen oder Berühren von Gegenständen
  • fasziniert von Lichtern oder bewegten Objekten

C- und D-Kriterium

Symptome müssen in der frühen Kindheit auftreten (können aber so lange latent bleiben,
bis die sozialen Anforderungen die beschränkten Fähigkeiten überfordern).

Die Gesamtheit der Symptome beschränkt bzw. verschlechtert die Alltagsbewältigung.

Schweregrad-Einteilung

Die Schweregrad-Einteilung richtet nach dem Bedarf der Unterstützung zur Bewältigung
des Alltags der Betroffenen

  • Schweregrad 1: benötigt Unterstützung
  • Schweregrad 2: benötigt weitgehende Unterstützung
  • Schweregrad 3: benötigt weitestgehende Unterstützung

 

Unterschiede in den Diagnosekriterien

Die maßgeblichen Unterschiede des DSM-V und ICD-10 bezüglich der Diagnosekriterien einer Autismus-Spektrum-Störung sind wie folgt:

  • Aufnahme der „Hyper- oder Hypo-Reaktivität gegenüber sensorischen Reizen oder ungewöhnliches Interesse an sensorischen Aspekten der Umgebung“ innerhalb der B-Kriterien.
  • Autismus-Spektrum-Störung gekennzeichnet durch eine Schweregrad-Einteilung wie im Absatz oberhalb dargestellt.

In der DSM-V wurde der Tatsache, dass Mädchen/Frauen aufgrund besserer kompensatorischer Mechanismen durch das Diagnose-Schema, keine Rechnung getragen. Allerdings wird dabei meist verkannt, mit welcher Anstrengung die
Anpassung verbunden ist. Hinzu kommt, dass Mädchen durch die Wahl ihrer Spezialinteressen meist weniger auffallen als Jungs. In den Diagnosekriterien wurde bisher nicht auf die unterschiedliche Ausprägung einer ASS zwischen den Geschlechtern eingegangen.

 

Asperger-Syndrom vs. HFA

Beim hochfunktionaler Autismus (HFA) liegt gegenüber dem Asperger-Syndrom (AS) eine verzögerte Sprachentwicklung vor. Je älter das Kind wird, desto mehr gleichen sich jedoch die kognitiven Fähigkeiten von Kindern mit HFA denen mit AS an. Kinder mit AS zeigen häufiger motorische Auffälligkeiten, die bei Kindern mit HFA normalerweise fehlen. Im Erwachsenenalter ist daher Asperger-Autisten von hoch-funktionalen Autisten in der Regel nicht zu unterscheiden.